Vipassana-Meditation, wie gelehrt von S.N. Goenka
in der Tradition von Sayagyi U Ba Khin
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Neuester Inhalt: Juli, 2011

Eine Lebensart

Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Vortrag, den Vipassana Ācariya Dr. Paul Fleischman im Juni 2007 an der Harvard University in Boston, Massachusetts, gehalten hat:

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Die Interaktionen zwischen der menschlichen Psyche und der Aktivität, die wir Vipassana nennen, sind facettenreich... Ich will nur einige der hervorstechenden psychologischen Vorgänge beleuchten.

Zunächst ist es wichtig festzustellen, dass Vipassana wertebasiert ist. Zwar ist es neutrale Beobachtung, aber in seiner kulturellen Valenz ist Vipassana nicht neutral. Es ist eine Schulung, die eine didaktische Wurzel enthält. Als Teil der Unterweisung wird immer wieder der hohe Wert einer moralisch einwandfreien Lebensführung eingeschärft. Es wird gelehrt, dass man mit einer inneren Einstellung leben soll, wie sie in den traditionellen Fünf Ethischen Grundsätzen zum Ausdruck kommt, die ja wiederum in den Zehn Geboten und in jeder anderen praktischen, sozialen, ethischen Lebensweise ihren Widerhall finden. Der Grundsatz, im täglichen Leben, außerhalb des Meditationskurses, keine sexuellen Verfehlungen zu begehen, bedeutet, dass Sex eine liebende Verbindung sein sollte, die eine zwischenmenschliche Beziehung zusammenhält, die für die Partner Kontinuität in der Zuneigung bietet und ein Knotenpunkt stabilisierender Freundschaftlichkeit innerhalb der Gesellschaft ist. Es hat keinen Sinn, Vipassana für sich annehmen zu wollen, wenn man diese fünf moralischen Einstellungen nicht teilt. Und auch wenn Sie mit Vipassana anfangen und die fünf moralischen Grundsätze völlig ablehnen, wird Ihre Meditation gar nicht zulassen, dass Sie Ihr Leben weiterhin unmoralisch führen, obwohl doch die Praxis auf neutraler Beobachtung beruht. Wenn Sie weiter praktizieren, wird Ihre Meditation Sie auf eine Karussellfahrt mitnehmen, bei der Sie die Bedeutung dieser Werte erfassen. Man kann nicht den Appalachian Trail* erwandern, während man insgeheim eigentlich Holzfäller werden möchte, nach dem Motto: „Hast Du einen Baum gesehen, hast Du alle gesehen.“ Man kann den Weg von Selbsterkenntnis, Realismus und Einsicht unmöglich beschreiten, wenn man die psychische Heilkraft ethischer Rechtschaffenheit und ihren Beitrag zum Gemeinwesen gering schätzt.


An Ancient Path

Eine zweite psychische Entwicklung, die Vipassana bewirkt, ist die Kognitive Umstrukturierung. Vipassana schreibt Ihnen nicht vor, was Sie denken sollen. Es sagt Ihnen nur, dass Sie beobachten sollen. Sie werden beobachten, dass Sie bestimmte gedankliche Leistungen annehmen oder verwerfen. Ohne dass Ihnen jemand sagt, wie man Fahrrad fährt, ohne dass jemand hinter Ihnen steht, der Ihnen zuruft „jetzt ein bisschen nach links lehnen, und jetzt schnell ein ganz kleines bisschen nach rechts“, lernen Sie das Fahrradfahren nach ein paar Versuchen ganz allein. Es wird Ihnen intuitiv klar, wie man in einer aufrechten Haltung Fahrrad fährt, indem man erst ein wenig die eine und dann ein wenig die andere Seite ausbalanciert. Sie lernen das automatisch, denn wenn Sie sich nicht nach der intuitiven Abstimmung Ihres Körpers mit der Senkrechten richten, fallen Sie vom Fahrrad. Vipassana ist dem Fahrradfahren ganz ähnlich. Neutrale Beobachtung erzeugt ein System intuitiver Verstärkung für das Erreichen von Zuständen der Eigenwahrnehmung und Selbsterkenntnis, der Harmonie und des Friedens.


Der Buddha sprach anfangs das Thema Kognitive Umstrukturierung durch Vipassana an, indem er sagte, dass man hart daran arbeiten muss. Meditation ist nicht einfach nur Entspannung. Trotzdem kann man nicht hart arbeiten, ohne dabei entspannt zu sein, denn ohne Entspannung kann man die Meditation nicht aufrechterhalten. Es gibt hier also wie beim Fahrradfahren eine dynamische Balance zwischen eifrigem Bemühen und Aufgeben der Anstrengung. Mangels eines Fahrrades benutzte der Buddha den Vergleich mit einem Saiteninstrument. In unserer modernen Bilderwelt könnte man eine Gitarrensaite als Beispiel nehmen. Wenn sie zu fest gespannt ist, klingen die Töne schrill. Wenn sie zu locker gespannt ist, sind die Töne stumpf. Man muss lernen, seine E-, A-, und D-Saiten genau auf die richtige Spannung einzustellen. Während Sie also still sitzen und nur versuchen, Ihre Empfindungen neutral zu beobachten, arbeiten Sie an der kognitiven Umstrukturierung Ihrer Bemühungen, um so Kraft und Elan durch Selbst-Akzeptanz, und Konzentration durch Ruhe und Leichtigkeit zu erreichen.

Auf ähnliche Weise entstehen viele andere Kognitive Umstrukturierungen. Wenn Sie anfangen, einem Lebenswandel nachzugehen, bei dem Sie versuchen, durch zwei tägliche Meditationssitzungen und jährliche Meditationskurse geistesgegenwärtig, harmonisch und friedlich zu sein, dann ist es sinnlos, Ärger, Hass oder Raffsucht in Ihrem Inneren aufrechtzuerhalten oder anzuhäufen. Ihre Meditation wird eine Feedbackschleife bilden, die jene Geisteszustände dekonditioniert, die Sie unglücklich oder unzufrieden mit sich selbst machen, und solche Geisteszustände verstärkt, bei denen Sie sich ruhig und eins mit sich fühlen. Mit der Zeit wird die Meditation aus sich selbst heraus einen natürlichen Rückgang von Negativität und ein ungezwungenes Wachsen von Positivität bewirken.


Ein dritter Beitrag Vipassanas zur psychischen Entwicklung besteht darin, dass es eine mitmenschliche und gemeinschaftliche Aktivität ist. Natürlich praktiziert man fortwährend alleine in der Abgeschiedenheit der Privatsphäre zuhause. Aber Meditation kommt von anderen Menschen. Sie kam vom Buddha. Über Jahrtausende wurde sie freigebig von Mensch zu Mensch weitergegeben, und heute praktizieren weltweit Hunderttausende von Menschen Vipassana. Die Meditation ist eine Reise aus der Vereinzelung in die Teilhabe an der Gemeinschaft... Bei Vipassana gibt es keine Funktionäre oder Mitgliedsbeiträge, aber es bringt Sie in Kontakt mit einer menschlichen Gemeinschaft, mit der man das höchste Anliegen teilt.


Eine vierte psychische Entwicklung durch die Vipassana-Meditation besteht in dem großen Ausmaß an Einsicht in sich selbst, das sie mit sich bringt. Bereits der erste Vipassana-Kurs bewirkt eine Veränderung der Bewusstheit und Integration dessen, was Körper und Geist beinhalten. Die Empfindungen des Körpers sind ein Vorratsspeicher von mentalem Inhalt, und mentaler Inhalt ist eine bildhafte Repräsentation der Körperempfindungen. Beides zusammen drückt die Energie aus, die in diesem Vehikel, das wir „Leben“ nennen, verschlüsselt und gelagert ist. Wir sind die Aktivität von Atomen, Molekülen, und Zellen; wir sind von Physik, Chemie, und Biologie verursachte, sich ausbreitende Wellen. Körperempfindungen sind die Schnittstellen, wo sich alle Bestandteile von Vipassana verbinden. Das, was wir unser Selbst nennen, ist ein Prozess, der in die Physik und Chemie des Universums eingebettet ist. Aus dem tiefen Verständnis dieser Tatsache heraus gewinnt man die Einsicht in das, was und wer man wirklich ist...

Die beständigsten Werte sind die, die weit über die Grenzen des individuellen Selbst hinausgehen und es transzendieren. Wir können sagen, das es eine religiöse oder spirituelle Dimension gibt, die in Vipassana kultiviert wird. Wir begreifen, dass jeder Mensch das Gleiche ist wie jeder Regentropfen, jeder Wolf, jeder Rittersporn im Garten. Wir teilen mit allen Lebewesen die Dimensionen von Leben und Tod. Jedes Lebewesen ist das Kind dieser beiden Vorfahren. Zumindest was diese beiden Dimensionen angeht, sind alle Wesen verwandt. Unser persönliches Leben ist sehr vergänglich. Wir können dieses ungute Gefühl, das der Tod im Hintergrund bei uns verursacht, nicht befrieden, ohne uns auf einer tiefen Ebene mit Vergänglichkeit auseinanderzusetzen und eine überzeugende Erwiderung auf den anfänglich nihilistischen Unterton zu provozieren. Wir können gar nicht anders, als die Frage beantworten zu wollen, welchen Sinn das Leben hat, da es doch von Vergänglichkeit durchdrungen ist. Ein neues Gefühl für die Realität der Welt wird von allen Vipassana-Meditierenden erlebt und verinnerlicht...

Der schlichte Akt des Meditierens ist von großem Vertrauen getragen. Man meditiert deshalb ernsthaft, weil man daran glaubt, dass es ein wertvolles Unterfangen ist. Man hat ausreichend Vertrauen, um wirklich hart an der Meditation zu arbeiten, so dass sie zu neuen Einsichten, neuem Verständnis, neuen Ufern führt.

Jeder weiß, dass Pinguine Vögel sind, die sich auf Kosten ihrer Flugfähigkeit aufs Schwimmen spezialisiert haben. Aber kennen Sie auch die Geschichte von den Pinguinen auf einer Eisscholle in der Antarktis, die einmal nach oben schauten und einen ihrer Freunde über sich hinweg fliegen sahen? Er rief zu den anderen Pinguinen hinunter: „Wir haben bisher einfach nicht genug mit den Flügeln geflattert!“


Vipassana zu praktizieren ist eine Art, sich zu erheben. Man steht außerhalb und transzendiert. Man steht über den Glaubenssystemen. Man erkennt, dass alle Glaubenssysteme menschliche Fantasiegebilde sind, aber man behält den Glauben an den höchsten Wert des eigenen Lebens und das Vertrauen in die Meditation, denn sie bewirkt ein Hochgefühl. Es ist kein euphorisches, kein realitätsfernes Hochgefühl, sondern ein scharfsichtiges, äußerst realistisches. Alles, an was man geglaubt hat, alles, was man für wahr hielt, ist lediglich der geistige Inhalt im Inneren eines einzelnen kleinen Säugetiers, das dazu bestimmt ist, von diesem Planeten zu verschwinden. Vipassana ist eine Reise jenseits von verbalen, visuellen, konzeptionellen, emotionalen und ideologischen Glaubenssystemen. Man zieht sich selbst aus alten vorgefassten Anschauungen heraus.

Der Buddha hat seinen Pfad als „Reise jenseits von Ansichten“ bezeichnet. Man gewinnt Orientierung durch direkte Teilnahme an der Erfahrung, dreidimensional, durch ein Mindestmaß an Meditation und durch entsprechende Lebensweise. Man versteht irgendwann, dass der Pfad in einem selbst liegt. Man ist der Pfad selbst. Man ist selbst das Rad, das sich dreht. Man geht weiter, über Glaubenssysteme, Ansichten, Religionen, Definitionen, Wörter hinaus, hin zu einer Realität von Augenblick zu Augenblick, die sich nach außen öffnet. In der Psychiatrie nannten wir das früher prozess-, nicht inhaltsorientiert. Was sich vor uns auftut, ist die Realität. Ihre tiefste Natur ist außerhalb von allen Dingen. Sie kann auch nicht durch Ideen erfasst werden. Sie kann nicht begriffen werden. Man öffnet die Türen, man lässt die vorgefassten Meinungen los, man beobachtet weiter, und man geht weiter.



*Der Appalachian Trail ist ein berühmter Wanderweg im Osten der Vereinigten Staaten, der bei Naturfreunden sehr beliebt ist, weil er meilenweit durch unberührte Wildnis führt. (Anmerkung des Herausgebers)



Den vollständigen Text von „A Way of Life“ und andere von Paul Fleischman gehaltene Vorträge können Sie in dem Buch „An Ancient Path“ lesen, das 2009 in Indien vom Vipassana Research Institute (www.vridhamma.org) und in den USA von Pariyatti (www.pariyatti.org) verlegt wurde. Das E-Book ist im Apple iBookstore und über den Amazon Kindle Store erhältlich. Pariyatti bietet auch eine Hörbuch-Version an. Alle Ausgaben sind auf Englisch. Eine deutschsprachige Anthologie mit Texten von Paul Fleischman ist in Vorbereitung.