Vipassana-Meditation, wie gelehrt von S.N. Goenka
in der Tradition von Sayagyi U Ba Khin
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Neuester Inhalt: Juli, 2011

Erinnerungen an die ersten Kurse - „Versuchen Sie’s einfach!“

von Reinette Brown


Reinette und Kirk Brown sind jetzt die Lehrer, die für Dhamma Dīpa in England zuständig sind
.

Vor meinem ersten Kurs 1976 war ich noch nie in Indien gewesen, ich hatte noch nie meditiert, ich kannte niemanden aus Burma, ich wusste nichts über den Buddha. Es war, als ob sich ein Fenster zu einer anderen Welt öffnete, innerlich und äußerlich. Meine erste Begegnung mit Goenkaji war seine Stimme aus einem Kassettenrekorder, damals gab es ja keine Videos. Ich fand diese ganze Erfahrung sehr faszinierend. Nicht nur war ich wie hypnotisiert von den exotischen Hintergrundgeräuschen und Goenkajis Vitalität und Ausstrahlung, ich war auch von Ehrfurcht ergriffen durch die Kraft der Worte, die ich da hörte. Es war ja alles so wahr und berührte mich zutiefst, so als ob ich das alles schon die ganze Zeit gewusst, aber irgendwie wieder vergessen hatte. Obwohl ich erst nach mehreren Kursen wirklich anfing, die Technik richtig zu verstehen, hatte dieser erste Kurs eine große Wirkung auf mich.


Der Lehrer war ein enger Freund von Goenkaji, ein buddhistischer Mönch aus Myanmar, der Ehrwürdige Dr. Rewata Dhamma. Da er nach Großbritannien ging, gab ihm Goekaji einige Tonbänder mit Vorträgen und Anweisungen zum Meditieren mit und bat ihn, dort Kurse zu leiten. Goenkaji selbst konnte zu der Zeit Indien nicht verlassen. Dr. Rewata Dhamma sprach nur sehr wenig Englisch, eigentlich fast gar keins. Er hatte zwei Standardsätze, die er als Antwort auf alle Fragen gab, die ihm gestellt wurden: „Beobachten Sie einfach“ und „Versuchen Sie's einfach“. Im Laufe der Jahre wurde mir klar, dass das die einzigen Antworten sind, die man braucht!


Goenkaji mit dem Ehrwürdigen Dr. Rewata Dhamma

Birmingham, England., 2002

Bild in voller Auflösung (400 x 300 - 127 KB)

Damals wusste ich es nicht, aber in der Meditationshalle saß auch mein zukünftiger Ehemann und Dhamma-Partner, auch er auf seinem ersten Kurs. Wir lernten uns erst drei Jahre später kennen.



Goenkaji war und ist ein Phänomen. Während eines Kurse kümmerte er sich den ganzen Tag und bis in den Abend um die Kursteilnehmer. Es ließ überhaupt nicht nach. Und er tat alles ohne jegliche Anzeichen von Erschöpfung oder Stress. Ganz im Gegenteil, seine Energie und Begeisterung war grenzenlos, und drängte uns alle, von unserer Meditation so viel wie möglich zu profitieren.


Eines Morgens warteten einige von uns draußen vor der Tür, um ihn am Ende eines Kurses zu verabschieden. Er kam heraus, im Anzug und mit einem strahlenden Lächeln. Einer aus der Gruppe rief aus „Goenkaji, Sie sehen wirklich gut aus!“ Er gab zurück, leise lachend und mit einem Funkeln in den Auge: „Das bin nicht ich, das ist Dhamma!“



Ich erinnere mich an einen Zwischenfall auf einem Kurs 1981. Ein großes Zelt war als Mediationshalle aufgeschlagen worden. Es war Tag 5, während des Abendvortrags. Goenkaji war gerade voll in Fahrt, ich meditierte mit geschlossenen Augen und genoss meinen Lieblingsvortrag. Ich saß ziemlich weit vorn, am Mittelgang. Plötzlich bemerkte ich, dass von hinten Schritte näher kamen. Ein männlicher Kursteilnehmer schritt wild gestikulierend den Gang entlang, auf den Dhamma-Sitz zu. Er fing an, Goenkaji anzuschreien. Die Kursbetreuer sprangen auf, aber der Mann machte einfach weiter und beschimpfte Goenkaji. Goenkaji blieb ruhig, lächelte den Mann an und bedeutete ihm, sich wieder hinzusetzen. Der wich aber nicht zurück, sondern drehte sich um, sprach die Anwesenden an und forderte sie auf, zu „rebellieren“. Goenkaji saß immer noch da, lächelnd und geduldig. Irgendwann drehte sich der Mann um und ging wieder den Mittelgang zurück. Er blieb stehen und sprach seine Freundin an, die direkt hinter mir saß: „Ich gehe. Kommst Du mit?“ Sie antwortete „Nein“. Also stürmte er davon und verließ den Kurs.



Mein Herz schlug so heftig, dass mir ganz schwindlig wurde und ich Mühe hatte, mich zu beruhigen. Was um Himmels Willen wird Goenkaji jetzt nur tun, fragte ich mich. Nun, er und Mataji lächelten wohlwollend, und er fuhr mit dem Vortrag fort. Zufälligerweise nahm ein Dhamma-Helfer die Vorträge dieses Kurses mit einem großen Spulen-Tonbandgerät auf, und das Band lief während des gesamten Zwischenfalls mit. Er erzählte uns später, dass er beim Durchhören der Aufnahme feststellte, dass er das Band an genau den Stellen, an denen der Mann seine Tirade begonnen und beendet hatte, neu zusammenfügen konnte. Goenkaji hatte seinen Vortrag exakt dort wieder aufgenommen, wo er unterbrochen worden war, es war gar keine Unterbrechung wahrnehmbar.



Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Der Kursort war ein früheres Bauernhaus mit Nebengebäuden. Ich schlief in einem provisorischen Schlafsaal im Obergeschoss einer Scheune, neben der Freundin des Mannes. Als ich in dieser Nacht gerade am Einschlafen war, hörte ich, wie ein Kurshelfer leise die Treppen heraufkam und ihr zuflüsterte: „Goenkaji würde gern wissen, wie dein Freund heißt? Er möchte ihm Metta schicken.“

Erinnern Sie sich auch an einen frühen Kurs, bei dem Sie Teilnehmer oder Helfer waren? Schicken Sie Ihre Erinnerungen an editor@vnl.dhamma.org. Wenn Ihr Text geeignet ist, werden wir ihn redigieren und in einer künftigen Ausgabe des Newsletters veröffentlichen.