Vipassana-Meditation, wie gelehrt von S.N. Goenka
in der Tradition von Sayagyi U Ba Khin
Startseite > Artikel

Neuester Inhalt: Juli, 2011

Gefängniskurs in Kolumbien

Das Reclusión de Mujeres ist ein Frauengefängnis in Pereira. Pereira gehört in Kolumbien zu jenen Städten mit der höchsten Gewaltbereitschaft. Das Gefängnis hat 252 erwachsene Insassen und deren Kinder, sofern sie unter drei Jahre sind. Den ganzen Tag tönt hier eine Kakophonie von zugeschlagenen Türen, Schreien, Singen, Radios und Weinen. Stille kehrt hier nur in der Nacht ein, in der Zeit von 20 Uhr bis 4 Uhr. Für sportliche Tätigkeiten stehen den Insassen nur zwei überdachte Plätze zur Verfügung, von wo man nicht einmal den Himmel richtig sehen kann.

Das ist vielleicht nicht der beste Ort für die Meditation. Aber ein Sozialarbeiter des Gefängnisses dachte, dass Vipassana genau das war, was die Reclusión des Mujeres brauchte. Überraschenderweise war der Gefängnisdirektor einverstanden. Nachdem ein Mitarbeiter der Vollzugsanstalt an einem Vipassana-Kurs in Medellín teilgenommen hatte, begannen die Vorbereitungen.

Das Kursgelände war eine eigenständige Anlage innerhalb des Gefängnisses. Es gab dort eine Meditationshalle mit angrenzenden Unterkünften und Bädern. Ein vegetarischer Menüplan wurde vereinbart. Alles schien vorbereitet. Der Kurs war für März 2011 angesetzt.

Allerdings sahen sich die Assistenzlehrerin und die vier Dhamma-Helferinnen mit einem Riesenberg an Arbeit konfrontiert, als sie am Tag 0 die Erlaubnis erhielten, das Kursgelände zu betreten. Sie begannen damit, den Kursort zu putzen und vorzubereiten und waren erst um 23 Uhr fertig. Sie halfen auch den vielen Kursbewerberinnen, die nicht lesen und schreiben konnten, beim Ausfüllen der Kurseinschreibungsformulare. Als alles soweit fertig war, war es schon zu spät, als dass man noch mit der Meditation an diesem Abend hätte beginnen können. Stattdessen begann der Kurs am Morgen des Tag 1 mit den einführenden Anweisungen zu Anapana.

Wie die Erfahrungen in allen anderen Gefängniskursen zeigten, gab es auch hier einige Herausforderungen. Fast alle Teilnehmerinnen kannten sich sehr gut oder waren eng befreundet. Es war schwierig für sie, nicht miteinander zu kommunizieren. Eine der Helferinnen war Ärztin und konnte kleinere gesundheitliche Probleme behandeln, aber ein paar Meditierende mussten den Kursort verlassen, um vorher vereinbarte Arzttermine wahrzunehmen. Die Lehrerin und Helferinnen waren in einem anderen Gebäude untergebracht, und jedes Mal, wenn sie von dort zur Meditationshalle gingen, mussten sie sich einem Sicherheits-Check inklusive einer Körperdurchsuchung unterziehen.

Die Tatsache, dass viele Kursteilnehmerinnen Analphabeten waren, gab erwartungsgemäß keinerlei Anlass zu Problemen. Am Tag 11 wollte man allerdings den Film „Changing from Inside“ (Deutsch: „Veränderung von Innen“) zeigen, in dem es um einen Vipassana-Kurs in einem Frauengefängnis in den USA geht. Der Film lag aber nur auf Englisch mit spanischen Untertiteln vor. Doch es fand sich eine sehr einfache Lösung: Eine Meditierende las die Untertitel einfach vor. Einige Kursteilnehmerinnen weinten als sie den Film sahen. Später berichteten viele Frauen von ihrem Kurs und von dem großen Einfluss, den der Kurs auf sie hatte.

Fünfunddreißig Frauen schlossen den Kurs ab. Jede Woche kommt eine Gruppe von Meditierenden aus Pereira in das Gefängnis, um mit ihnen zu meditieren.


Meditierende nach dem ersten Gefängniskurs in Pereira in Kolumbien.
Bild in voller Auflösung (1600 x 1200 - 233 KB)