Vipassana-Meditation, wie gelehrt von S.N. Goenka
in der Tradition von Sayagyi U Ba Khin
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Neuester Inhalt: Juli, 2011

Dhamma-Geschichten

Steine und Butter

Dieser Text ist ein Abschnitt aus dem Dhamma-Vortrag von Tag 4 des 10-Tage-Kurses. Der Text wurde der Schriftsprache angepasst.

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Eines Tages kam ein junger Mann weinend zum Buddha. Er weinte unablässig, er konnte nicht aufhören. Der Buddha fragte ihn: „Was ist los, junger Mann?“

„Herr, gestern ist mein alter Vater gestorben.“

„Was kann man da machen? Wenn er gestorben ist, wird ihn das Weinen nicht zurückbringen.“

„Ja, Herr, das verstehe ich, Weinen wird meinen Vater nicht zurückbringen. Aber ich bin mit einer besonderen Bitte zu Euch gekommen: Bitte tut etwas für meinen Vater!“

„Was kann ich denn für deinen toten Vater tun?“

„Herr, bitte tut etwas. Ihr seid ein so mächtiger Mensch, da könnt Ihr sicher etwas tun. Schaut doch, diese normalen Priester, Prediger und Bettelmönche vollziehen alle möglichen Riten und Rituale, um den Toten zu helfen. Und sobald das Ritual vollzogen ist, öffnet sich das Tor zum Himmel, und der Tote darf eintreten, er bekommt eine Einreiseerlaubnis. Aber Ihr, Herr, seid so mächtig! Wenn Ihr ein Ritual für meinen toten Vater vollzieht, dann bekommt er nicht nur eine Einreiseerlaubnis, sondern eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, eine Dauerkarte. Bitte, Herr, tut etwas für ihn!“

Der arme Mensch war so überwältigt von seinem Kummer, dass er einer rationalen Argumentation überhaupt nicht mehr zugänglich war. Der Buddha musste andere Mittel anwenden, damit er verstehen würde. Also sagte er zu ihm: „In Ordnung, geh’ auf den Markt und kaufe zwei Tontöpfe.“ Der junge Mann war sehr glücklich, denn er glaubte, dass der Buddha nun ein Ritual für seinen Vater zu vollziehen würde. Er lief zum Markt und kam mit zwei Tontöpfen zurück. „Sehr gut,“ sagte der Buddha, „fülle einen Topf mit Ghee, mit Butter.“ Der junge Mann machte das. „Fülle den anderen mit Steinen.“ Er tat, wie ihm geheißen. „Verschließe jetzt beide gut!“ Er machte auch das. „Werfe sie jetzt in diesen Teich hier drüben.“ Der junge Mann befolgte die Anweisungen des Buddha, und beide Töpfe sanken auf den Grund. „Jetzt,“ sagte der Buddha, „bring’ einen großen Stock und schlag’ damit auf die Töpfe, um sie aufzubrechen.“ Der junge Mann war überglücklich, er glaubte, dass der Buddha ein wunderschönes Ritual für seinen Vater vollzog.“

Es ist Brauch im alten Indien, dass der Sohn eines Verstorbenen den Leichnam zur Feuerbestattung bringt. Er legt ihn auf das Bestattungsfeuer und verbrennt ihn. Wenn die Leiche halb verbrannt ist, nimmt der Sohn einen dicken Stock und schlägt dem Leichnam den Schädel ein. Man glaubt, dass sich beim Öffnen des Schädels das Tor zum Himmelreich auftut. Der junge Mann dachte also bei sich: „Der Leichnam meines Vaters wurde gestern zu Asche verbrannt. Deshalb möchte der Buddha, dass ich diese Töpfe symbolisch aufbreche.“ Er freute sich sehr über das Ritual.

Der junge Mann nahm einen Stock, wie es der Buddha verlangt hatte, schlug kräftig zu, und brach die Töpfe auf. Sofort stieg der Butter des einen Topfes auf und schwamm auf der Wasseroberfläche umher. Die Steine traten aus dem anderen Topf heraus und blieben auf dem Grund. Dann sagte der Buddha: „Gut, junger Mann, meine Aufgabe ist hiermit erfüllt. Ruf’ jetzt alle deine Prediger und Wundermacher und sage ihnen, dass sie singen und beten sollen: ‚Oh Steine, steiget auf, steiget auf! Oh Butter, sinke hinab, sinke hinab!’ Ich will doch mal sehen, ob das passiert.“

„Aber Herr, jetzt machen Sie wohl Witze! Wie soll das gehen, Herr? Die Steine sind schwerer als Wasser, sie müssen auf dem Grund bleiben. Sie können nicht aufsteigen, das ist ein Naturgesetz! Die Butter ist leichter als Wasser, sie muss an der Oberfläche bleiben. Sie kann nicht untergehen, Herr. Das ist ein Naturgesetz!“

„Junger Mann, du weißt so viel über die Naturgesetze, aber du kennst dieses Naturgesetz nicht: Wenn dein Vater sein ganzes Leben lang Handlungen ausgeführt hat, die so schwer wie Steine waren, dann muss er untergehen. Wer kann ihn da nach oben bringen? Und wenn alle seine Handlungen leicht wie diese Butter waren, dann muss er aufsteigen, wer kann ihn da herunterziehen?“

Je früher wir das Naturgesetz verstehen und unser Leben danach ausrichten, desto früher befreien wir uns vom Leiden.