Vipassana-Meditation, wie gelehrt von S.N. Goenka
in der Tradition von Sayagyi U Ba Khin
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Neuester Inhalt: Juli, 2011

Sayagyi U Ba Khin: Wahrheit triumphiert

Der folgende Text ist ein Auszug aus zwei Artikeln, die Goenkaji kürzlich zum Anlass von Guru Pūrṇimā geschrieben hat. Es ist ein traditioneller Feiertag, an dem die Menschen in Indien ihren spirituellen Lehrern Respekt erweisen. Der Feiertag findet am Vollmond im Juli statt und man geht davon aus, dass er mit dem Tag übereinstimmt, an dem der Buddha mit seiner ersten Lehrrede in Sarnath das Rad des Dhamma in Bewegung setzte.

Eine wichtiger Grundsatz dieser Tradition besteht darin, dass für Dhamma keine Gebühren erhoben werden dürfen, weil Dhamma einfach unbezahlbar ist. Mit der Lehre von Dhamma Geld zu verdienen, ist unmoralisch und streng verboten. Wenn jemand Geld verdienen möchte, so gibt es dafür unendlich viele Möglichkeiten. Aber Dhamma ist kein wirtschaftliches Gut, nichts, was verkauft werden kann. Ein Geschäftsmann verdient Geld mit seiner Arbeit und wird reich, aber ein Dhamma-Lehrer darf niemals Reichtum ansammeln, indem er einen Lohn für seinen Unterricht verlangt. Stattdessen folgt diese Tradition streng der Vorschrift des Buddha, Dhammena na vaniṃ care – „Macht aus Dhamma kein Geschäft.“ Jeder, der das missachtet, lehrt nicht Dhamma, sondern das Gegenteil.

Mein verehrter Lehrer Sayagyi U Ba Khin hat die Ideale des Dhamma vollkommen gelebt. Er war ein hoher Staatsbeamter in einem Bereich, in dem es üblich war, ein Vermögen mit Betrügereien zu verdienen. Aber Sayagyi war in Dhamma gereift. Er arbeitete in dieser korrupten Umgebung ohne seinen Charakter zu verunreinigen.

Sayagyi lehnte es ab, auch nur einen Cent von seinen Schülern anzunehmen. Wann immer wir ihm etwas nach einem Kurs geben wollten, rief er den Zentrumsmanager und bestand darauf, dass die Spende für das Zentrum verwendet und ordnungsgemäß eine Quittung ausgestellt wird. Genauso gewissenhaft war er bei der Annahme von Darlehen.

Sayagyi besaß ein Haus, das in schlechtem Zustand war. Bevor er in Rente ging, wollte er es renovieren, so dass seine Kinder dort leben konnten. Ein Bauarbeiter hatte die Kosten geschätzt, und ich wusste, dass sie Sayagyis Mittel überstiegen, für mich war es jedoch eine unbedeutende Summe. Sayagyi hätte niemals um finanzielle Hilfe gebeten, also habe ich ihm die Summe höflich als Geschenk angeboten. Ohne zu zögern hat Sayagyi das zurückgewiesen, und gesagt, dass es für einen Dhamma-Lehrer unrecht wäre, auch nur eine kleine Summe von einem Schüler anzunehmen. Die Spenden müssen an das Zentrum gehen, sie sind nur für Dhamma. „Ok“, sagte ich, „dann gebe ich dir ein Darlehen. Du kannst es mir zurückzahlen, wann du möchtest.“ Widerwillig nahm er mein Angebot an, und der Bauarbeiter konnten mit der Arbeit beginnen.

Während Sayagyi noch arbeitete, hat er mir von seinem Gehalt einen Teil zurückgezahlt. Als er in Rente ging, hat er mir noch einen kleinen Betrag geschuldet und konnte dies nur von seiner bescheidenen Rente zurückzahlen. Jedes Mal, wenn er sein Gehalt erhalten hat, hat er mir den vollen Betrag geschickt, ohne etwas für sich zu behalten. Dieses Geld zu akzeptieren, war sehr schmerzvoll für mich, schließlich war sein finanzieller Bedarf wesentlich größer als meiner. Aber die Grundsätze des Dhamma mussten aufrecht gehalten werden, und widerwillig akzeptierte ich die Rückzahlungen, auch wenn es bedeutete, dass Sayagyi ohne Einkommen war.

Zu der Zeit war meine Adoptivmutter dem Tod nah. Über einen Zeitraum von sieben Jahren hatte sie unter der Leitung von Sayagyi Dhamma praktiziert, und er mochte sie sehr. Ihr letzter Wille war, vielen gemeinnützigen Institutionen Spenden zu geben, und sie wollte, dass auch Sayagyi auf der Liste der Empfänger war. Ich habe mich sehr über ihre umsichtige Handlungsweise gefreut, die meinen Lehrer von seinen Schulden befreien würde. Aber als ich Sayagyi das Geld geben wollte, hat er meine Mutter gesegnet und nach seinem Assistenten gerufen, um ihn anzuweisen, dass er die Mönche den folgenden Tag einladen sollte und das Geschenk meiner Mutter als Sangha dana (Dana für die Mönche) geben sollte. Was konnte ich tun? Schweren Herzens musste ich den vollen Betrag von Sayagyis kleiner Rente so lange akzeptieren wie die Schuld ausstand. Heute erinnere ich mich an die hohen Ideale dieses großen Menschen und fühle mich inspiriert. Was für ein seltenes Vorbild hat er gegeben, moralische Werte zu erfüllen.

Ich bin jetzt 87. Mehr als eine Million Menschen haben Vipassana gelernt und davon profitiert. Wenn sie sich treffen oder mir schreiben, dann drücken sie ihre Dankbarkeit mit tiefem Gefühl aus. Aber ich denke mir: „Warum sind sie mir so dankbar? Sie haben Dhamma von Sayagyi erhalten. Ich bin nur ein einfacher Dhamma-Bote, der von ihm geschickt wurde. Ich gebe nur, was er mir gegeben hat. Aufgrund seiner Freundlichkeit haben sie Vipassana gelernt.“

Wenn das geschieht, muss ich oft an die Worte eines traditionellen indischen Lieds aus dem Bundesstaat Harayana denken:

Oh Gott! Wer kann deine wundervolle Macht ergründen?
Du machst die Reichen arm und lässt Reichtum auf die Armen regnen.

Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, der Reichtum auf die Armen regnen lässt. Aber es gab definitiv einen Menschen, der reich an Dhamma war und der seinen Reichtum auf einen armen Mann wie mich regnen ließ. Materieller Reichtum geht bestimmt früher oder später verloren. Aber der unermessliche Reichtum von Dhamma nimmt niemals ab, selbst wenn man es während seines ganzen Lebens verteilt. Im Gegenteil, es wird nur wachsen.

Er ist es, der mir Dhamma gab, er ist es, der es durch mich verteilt. Ich denke nochmals an ein Lied, dieses Mal aus Rajasthan:

Es sind Öl und Docht, die brennen,
aber der Verdienst geht an die Lampe.

Wenn eine Flamme von einem Docht aufsteigt, der mit Öl getränkt ist, entsteht Licht. Aber die Menschen sagen: „Seht, die Lampe brennt, und ihr Licht strahlt.“ Aber die Lampe ist lediglich das Gefäß für das Öl und den Docht. Weder brennt sie, noch schafft sie Licht. Genauso gebe ich einfach die Lehren von Sayagyi weiter. Das wahre Dhamma in mir wurde von ihm gegeben, und das ist es, was das Licht überall verbreitet. Daher sehen jene nicht die Wahrheit, die sagen, dass ich das Licht der Weisheit spende. In Wirklichkeit ist es Sayagyis Licht – das Licht des wahren Dhamma, das er mich lehrte –, das durch mich strahlt und sich nah und fern verbreitet.

Mögen die Männer und Frauen, die Vipassana erlernt haben und die es in den kommenden Jahren lernen, unendliche Hingabe und Dankbarkeit gegenüber Sayagyi empfinden.

In alten Zeiten hat der Herrscher Asoka Sona und Uttara als Dhamma-Botschafter nach Myanmar gesendet. Die Menschen dort haben am Ende die Namen dieser zwei Botschafter vergessen, aber sie haben niemals Asoka vergessen. Nach dem Buddha ist Asoka ihr Dhamma-König, der Herrscher ihrer Herzen, und es ist ganz natürlich, ihm gegenüber Dankbarkeit zu empfinden. In derselben Art und Weise sollten Vipassana-Meditierende immer dem Buddha und dem Dhamma-Lehrer Sayagyi U Ba Khin dankbar sein, der diese hilfreiche Meditation zurück nach Indien und von dort um die ganze Welt geschickt hat. Wenn sie nichts über den Buddha und diesen Heiligen der modernen Zeit wissen, wenn sie nicht an diese beiden denken, dann mangelt es ihnen an Dankbarkeit.

Es ist wichtig zu gewährleisten, dass die Erinnerung an diese beiden 2000 Jahre überleben wird und dass Menschen ihnen gegenüber Dankbarkeit empfinden. Und das ist der Grund, warum die Global Vipassana Pagoda in Mumbai errichtet wurde, ein Denkmal für Frieden und Harmonie. Immer wenn die Menschen diese Pagode sehen, werden sie sich an den Buddha und den Heiligen aus unserer Zeit Sayagyi U Ba Khin erinnern, die mit viel Mitgefühl die Vipassana-Meditation für die Welt zugänglich gemacht haben. Das ist wahrhaftig ein Grund für Dankbarkeit.

Ich denke oft an einen Vers des Dichters Rahim. Er war der Befehlshaber von Kaiser Akbars Armee und war sehr reich. Er war von Natur aus großzügig und jeden Tag saß er auf der Terrasse seines Hauses und verteilte Geldstücke an die Armen. Aber währenddessen hielt er seine Augen gesenkt und den Kopf gebeugt. Wenn ihn jemand fragte, warum er das tat, so antwortete er:

Der Gebende ist ein anderer. Er gibt Tag für Tag.
Damit die Menschen mich nicht mit ihm verwechseln, halte ich den Blick gesenkt und den Kopf gebeugt.

Mit diesen Worte meinte Rahim: „Die Menschen denken fälschlicherweise, dass ich der Gebende bin, doch eigentlich ist es Gott.“

Jeden Tag kommen neue Meditierende zu Vipassana-Kursen und neue Meditationszentren entstehen. Dadurch wird das Licht weiter verbreitet, dass mir von meinem verehrten Lehrer gegeben wurde. Die Meditierenden empfinden Dankbarkeit für das Geschenk des Dhamma. Aber die Dankbarkeit sollte jenen zuteil werden, die das Geschenk gegeben haben: der vollkommen Erleuchtete und der große Sayagyi U Ba Khin.

Vergesst nicht, ihnen gegenüber Dankbarkeit zu empfinden und sie auszudrücken. Dies ist meine Botschaft an diesem glücklichen Tag Guru Pūrṇimā.

Mögen alle glücklich sein!

Kalyanmitta S.N. Goenka